Lange Autofahrt mit Kleinkind

Vor etwas mehr als drei Monaten habe ich eine Mutter-Kind-Kur beantragt. Ich wollte aus diversen Gründen an die See… ich bekam sie auch problemlos bewilligt… 900 km von Zuhause entfernt.

Nachdem die erste Freude abgeflacht war dämmerste es mir erst so richtig: Mein Kind HASST Autofahren… Sie HASST allgemein das Stillsitzen, wie zur Hölle soll ich mit meiner Tochter, die jetz gerade 18 Monate alt geworden ist so eine Strecke alleine bewältigen? Ohne dass wir dem Kollaps nahe sind? Schnell war mir klar: Zug kommt nicht in Frage. Zu viel wäre da zu beachten

  • mehrere male Umsteigen, Zeit dafür aber immer nur wenige Minuten (räumen wir die Vorurteile der Bahn mal beiseite, aber ich bin oft genug schon Langstrecken mit der Bahn gefahren um zu wissen, dass man sich tatsächlich auf die Pünklichkeit nicht immer verlassen kann. Einen Anschlusszug zu verpassen und in (normalerweise) klirrender Januar-Kälte irgendwo in einem Deutschen Bahnhof mit Kleinkind festzusitzen stell ich mir jetz net lustig vor.
  • Glück haben, dass das Kind nicht unbedingt genau zu den Umsteigezeiten eingeschlafen ist, nachdem man froh ist, wenn es überhaupt im Zug in den Schlaf findet…
  • volle Bahnhöfe mit gestressten Reisende und dann vollgepackte, gestresste Mütter wie ich mit Kleinkind, das womöglich grad keine Lust auf Tragen oder sonst was hat sind meiner Meinung nach auch nicht gerade ungefährlich!
  • Familienabteil hin oder her: aber stellt euch vor, die anderen Kinder da drin haben auch keine Lust auf lange Reise? Das begrenzte Spielangebot wird irgenwann langweilig… müde… fremde Menschen… ich glaube meine Nerven würden das ganz einfach nicht mitmachen
  • nicht zu vergessen das Gepäck! Klar, Gepäck kann man mit der Post vorrausschicken… und der Rest? Auf so einer Strecke muss ich für alle Eventualitäten etwas dabei haben… Wechselklamotten, Essen, Trinken… Spielzeug… und das alles bei jedem Umteigen mitschleppen? Womöglich mit einem quängelden Kind? (Übrigens war ich vor gut 20 Jahren selbst mit meiner Mama auf Kur, und wir hatten lange kein Gepäck weils die Post versemmelt hat)

Neeee, das Vorteil „Stressfreier“ kann mir hier keiner Nahe bringen… Günstiger? Wenn ihr wisst, wieviel ich auf der Strecke tatsächlich getankt hab, greift auch dieses Argument nicht mehr! Die Empörung war teilweise sehr groß, aber jeder der mich kennt weiss, dass ich nichts unüberlegtes mache.

Kommen wir also zum Wesentlichen. Zugegeben: Tiefenentspannt war ich auch nicht bei dem Gedanken, mit meinem Kind über 900 km quer durch Deutschland zu fahren.

Vor etwas über drei Wochen war es dann soweit. Ich musste also vom Süden Deutschlands nach Norden fahren. Allein, mit einem kleinen Kind… über 900 km. Ich habe mich also so gut es ging drauf vorbereitet. Das Auto war vollgepackt bis oben hin, eine extra Tasche für die oben genannten Eventualitäten griffbereit und nachdem ich mir die Route sorgfältig angeguckt habe und zusätzlich zum Navi in Papierform ausgedruckt hatte (verlasst euch nicht nur auf die Technik), sollte ich nur noch den Richtigen Zeitpunkt der Abfahrt wählen. Schon immer handhabe ich es so, dass ich bei Möglichkeit dann fahre, wenn meine Tochter schläft. Nicht zuletzt weil mein Papa es früher mit uns Kindern genau so gemacht hat… Stressfreier für alle Beteiligten! Ich habe also am Tag der Abfahrt Alida mittags noch ganz normal zum Schlafen hingelegt und Nachmittag war die Oma da, damit ich mich nochmal hinlegen kann. (Morgens extra früh aufgestanden, damit ich auch müde genug bin). Mein ursprünglicher Plan war eigentlich, dass ich spät Nachts fahre wenn Alida übermüdet ist, damit sie im Auto schläft. Der Zeitpunkt hätte aber nicht besser sein können: Alida hat grad zu Abend gegessen und ich war nach zwei Stunden bereit zur Abfahrt. Warum warten? Dachte ich, Alida wird langsam müde und die Strecke ist lang genug. Je länger ich warte, umso mehr wertvolle Zeit vergeht, in der ich nicht müde bin fürs Fahren. Los gings also. Bis die letzten Kleinigkeiten noch verstaut waren und alle „Tschüss“ gesagt haben, wars letzendlich 19 Uhr, bis wir losfahren konnten. Die Stunden vergingen wie im Flug. In gedachten 100 km – Etappen bin ich immer gefahren… Regensburg-Nürnberg-Würzburg… bis ich das erste mal auf Höhe Fulda tanken musste. Alida wurde wach und sie hat sich total gefreut, dass sie zum Tanken kurz aus dem sitz kommt. Das Einzige mal übrigens auf ganzer Strecke, dass ich Tanken musste (obwohl ich mit einem Kleinwagen gefahren bin) Alida schlief schnell wieder ein, hin und wieder hab ich im Rückspiegel gesehen, dass sie ihr Nachtlicht eingeschaltet hat, aber sie hat sich nicht gemeldet. Die gesamte Strecke war frei, ich hatte also freie Fahrt.

Autofahrt

 

Früh morgens um ca 7 Uhr war ich am Ziel. So „spät“ auch nur deswegen, weil ich zwischendurch mal stehengeblieben bin und mich einfach zur Alida auf die Rückbank gekuschelt habe um Zeit todzuschlagen, weil ich sonst viel zu früh angekommen wäre. Vor Ort (Horumersiel im Wangerland) ging ich mit ihr noch Frühstücken, bevor wir um punkt 8:00 in der Kurklinik angekommen sind.

Die Hinfahrt hat also besser geklappt als ich mir je erträumt hab. (ich wage fast zu behaupten, dass es besser gar nicht mehr geht). Vor der Heimfahrt hatte ich etwas Bauchschmerzen um ehrlich zu sein. Ich sollte erst nach dem Frühstücken losfahren können… Mit einem ausgeschlafenen, satten Kind das genau dann den grössten Bewegungsdrang spürt? Niemals. Ich klärte das mit der Klinik ab und man sah kein Problem darin, aus versicherungstechnischen Gründen ab 00:00 Uhr fahren zu können. Gesagt, getan. Die Rückfahrt klappte erneut problemlos, nur dass man die paar Stunden später am Morgen auf der Autobahn verkehrstechnisch natürlich bald gemerkt hat und Alida 3 Stunden vor dem Ziel ausgeschlafen war… Was erstaunlicher weise nach einer Frühstückspause auch kein Problem darstellte. Ich glaube ich hab alles was ich an Spielsachen oder jegliche andere Interessante Dinge für Alida direkt vor ihrer Nase auf die Füsse gelegt, links und rechts mit Jacke und Decke so drapiert dass nichts runterfallen kann. (Das Auto sieht nicht schön aus, nach langer Fahrt mit einem wachen Kleinkind)

Ich fasse also zusammen:

  • wenn möglich unbedingt nachts fahren!
  • Pausen einplanen, aber hütet euch davor das Kind aufzuwecken weil überall gepredigt wird, alle 2-3 Stunden größere Pausen zu halten! Ich behaupte, dass dies nur Tagsüber gilt, wenn das Kind fit ist! Der Rücken des Kindes wird keinen Schaden davon tragen, weil es mal eine lange Autofahrt ohne Pausen hat! Seid einfach froh wenn es schläft und nutzt die wertvolle Fahrtzeit!
  • wenn Kind wach: DANN natürlich Pausen machen! Es ist niemandem geholfen einem quängelndem Kind ständig etwas zum Spielen oder zum Essen nach Hinten zu reichen, weil es schlicht nach ein paar Minuten nicht mehr hilft! Spätestens dann, wenn es sich mit dem Spielzeug nicht mehr ablenken lässt ist eine Pause unumgänglich!
  • Zieht euch und vorallem das Kind bequem an! Jacke alleine sicherheitstechnisch schon ein No-go und dass eine enge Jeans bei den Kleinsten einfach nur unbequem und gemein statt „hübsch“ ist, sollte auch jedem klar sein… Dem Kind die Schuhe ausziehen beim Fahren!
  • Auch der Kindersitz ist entscheidend! Dass ich überzeugte „Reborder-Mama“ bin, dürfte euch nicht entfallen sein und Sicherheitstechnisch gibts da auch nix zu rütteln. Reboarder haben aber noch einen Vorteil: Die Füße der Kinder hängen nicht einfach so herab wie beim vorwärtsfahren: Die Beine schlafen so einfach nicht ein! (Viele Erwachsenen vergessen einfach, wie unbequem es ist, wenn die Beine für längere Zeit einfach am Stuhl herabhängen) Auch sehen die Kinder mehr von draussen seitlich und nach Hinten raus! Bei einem vorwärtsgerichteten Sitz ist die Kopfstütze des Vordermanns im Weg 😉
  • einen „Notfall-Plan“ haben! Was mache ich, wenn eine Weiterfahrt unmöglich ist? Hab ich jemandem, der womöglich in der Nähe wohnt? Kenne ich Hotels auf der Strecke? Macht euch einfach diesbezüglich Gedanken! (Eine ADAC-Mitgliedschaft hat schon so Manchen vor größeren Problemen bewahrt!)
  • zu guter Letzt: überschätzt euch nicht! Nichts ist schlimmer als gar nicht am Ziel anzukommen! Wenn ihr müde seid: Ab auf die hellbeleuchtete Raststätte, Auto von Innen zusperren und die Augen zu machen! Sei es nur für ein paar Minuten! Man glaubt einfach nicht, wie schnell einem der berüchtigte Sekundenschlaf tatäschlich einholen kann (Ich hatte vor Jahren das „Glück“ Mit einem eingeschlafenen Autofahrer auf der A45 unfreiwilliig Bekanntschaft zu schließen)

Ich liebe das lange Autofahren schon immer! Ich hatte noch nie Probleme damit lange Strecken alleine zurückzulegen. Mit (m)einem Kleinstkind war auch diese Entfernung für mich Premiere! Ja, ich war richtig nervös davor! All die Horror-Unfälle die man dann Tage vorher noch schnell in den Nachrichten sieht und die Katastrophengedanken nehmen seinen Lauf.

Abschließend kann ich aber sagen: Ich würde es jederzeit wieder machen, genau so und nicht anders! Stressfreier ging es für mich und nicht zuletzt für Alida nicht mehr! Ein bisschen Planung und ein bisschen Glück, diese Zwei Dinge gehören unweigerlich zusammen.

Eine lange Autofahrt mit Kleinkind muss nicht stressig sein, wenn man sich nicht stressen lässt!

In diesem Sinne wünsche ich euch allseits gute Fahrt…

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