Hat ein Baby schon ein Ruhebedürfnis?

Ja! Ein sehr großes Ruhebedürfnis sogar.

Ich hab jetzt lange überlegt ob ich drüber schreiben soll oder nicht, aber ich finde dieses Thema zu wichtig, als dass ich es ignorieren könnte.

Meine Tochter ist nun 14 Monate alt und knapp zwölf Monate davon musste ich regelrecht kämpfen, dass sie die Ruhe bekommt, die sie braucht. Vielmehr, dass man mich als Mama – in diesem Thema – ernst nimmt.

Es geht los gleich nach der Geburt: Im Wochenbett bekommt Frau mehr Besuch als vermutlich während dem ganzen Jahr, um den neuen Erdenbürger zu begrüßen. Stolz zeigen die Eltern ihr Kind her, stolz darf der Besuch dieses natürlich halten, willkommen heissen. Während dieser Tage ist das Baby noch so klein und verschläft so ziemlich alles, sodass vielmehr die frischgebackene Mama ein Ruhebedürfnis hat als das Baby.

Jedoch zeigt sich auch bei den ganz kleinen schon sehr deutlich, wann es ihm zu viel wird. Wenn WAS zuviel wird?

  • zu viel fremde Gesichter
  • zu viel fremde Gerüche (sehr toll auch wenn der Besuch extra viel Parfum drauf hat)
  • zu viele Geräusche bei dem es nicht weiss, wo diese herkommen
  • zu viel/lautes Gebabbel der Gäste im Raum
  • zuviele neue Eindrücke

Das Baby war über neun Monate geschützt vor der Umwelt in Mamas Bauch, es muss doch erst auf der Welt ankommen, es hat noch nicht einmal begriffen was die letzten Stunden passiert ist. Dies ist nicht nach ein paar Stunden vorbei. Zuhause gehts erst richtig los.

Zuhause warten dann eventuelle Haustiere, Geschwisterkinder, wieder neue Gerüche und die komplette neue Umgebung in der das Baby jetzt erst mal wohnen wird. Nicht zu vergessen dass es jetzt bereits die erste Autofahrt oder eine Fahrt mit den Öffis hinter sich gebracht hat. Hat es sich erst mal an Mama und das Krankenhaus gewöhnt, wird es wieder rausgerissen in neue Situationen. Natürlich freut man sich über Freunde und Familie, die das Baby sehen wollen. Natürlich zeigt man stolz sein Baby, aber man sollte einfach immer im Blick haben, dass das Baby kein Wanderpokal ist. Das Baby öffnet endlich die Augen nach einem stundenlangen Mittagsschlaf: „yeeeey“ schon wird sich auf das Baby gestürzt. „Gutschi, gutschiguuu“ hier, „Tutti tuttituuu“ da… weitergereicht zur nächsten Person und immer so weiter. Am besten noch den TV oder Radio im Hingerund laufen und schon ist Baby´s Chaos perfekt.

Es fängt an sich zu überstrecken, wendet den Blick ab oder verzieht das Gesicht. Nein, es ist nicht unbequem aufm Arm und es ist auch kein unfreundliches, quengeliges Baby: Es will einfach für nen Moment in Ruhe gelassen werden.

Das gilt auch für die größeren Babys. Spass bei Oma, Opa und Co. ist ok und sehr wichtig, keinesfalls sollte man dies unterbinden. Jedoch auch hier auf Babys Bedürfnisse achten. Wenn es bespaßt wird, wird es schneller müde (klar). Wird es quengelig, anhänglich und hat rote Bäckchen (es muss nicht immer das obligatorische Augenreiben dabei sein) so will es einfach nur schlafen. Es will nicht weiter bespaßt werden, selbst wenn das für drei Minuten noch funktioniert. Es sind auch nicht die kommenden Zähne schuld und man muss ihm nicht Knabbereien geben weil das arme Kind wahrscheinlich Hunger hat… Nein… Es hat genug von den äusserlichen Reizen und ist einfach nur müde! Irgendwann funktioniert das Ablenken dann auch nicht mehr.

Ich bin das erste mal Mama geworden und klar, auch ich hab ne Zeit gebraucht um zu verstehen, dass Babys auch ein Ruhebedürfnisse haben. Ich habe aber sehr früh gemerkt, dass mein Baby sehr empfindlich auf äussere Reize reagiert. Nicht sofort, aber Stunden später am Abend habe ich, bzw hat mein Kind das Problem. Es wird sich in den Schlaf geweint. Nein, geschrien! Nach manchmal stundenlangem „Einschlafkampf“ wachte sie regelmäßig nach wenigen Minuten schreiend wieder auf und war am nächsten Tag einfach durch den Wind. Vor kurzem habe ich sogar von einem „Stresssyndrom bei Baby und Kleinkind“ gehört… Sie verarbeitet im Schlaf ganz klar ihren Tag. Man kennt das von uns selber ja auch. Wenn wir einen ereignisreichen Tag hatten, können wir oftmals net sofort einschlafen. Wir grübeln, wälzen uns hin und her und schlafen die Nacht unruhig. Nur ist bei Babys die Grenze zur Überreizung eben viel schneller überschritten. Sie kämpfen ohnehin immer noch mit ihrem „im Leben ankommen“. Sie wachsen immer noch mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, erlernen in immer kürzerer Zeit neue Dinge und lernen nebenbei die Umwelt erst mal richtig kennen. (Jaaah, auch das „ich muss jetz ohne Mama im Bettchen schlafen“ muss Baby erst mal lernen und akzeptieren… Es ist nicht mehr die geschützt Höhle, in der es nicht kalt, laut und hungrig ist)

Bei Alida reicht schon ein ereignisreicher Vormittag, womöglich noch mit viel Besuch bei dem jede Person natürlich mit ihr lautstark spielen möchte und im Hingergrund rieselt der Radio, oder am besten noch der Fernseher…

Ich habe sehr schnell angefangen mich etwas zu distanzieren. Natürlich hab ich meine Familie weiterhin besucht, jedoch mit zeitlicher (sehr zeitlicher) Begrenzung. Es fiel mir (und immer noch) nicht leicht. Ich schotte mein Kind auch nicht ab (wie man jetz schnell urteilen möchte) aber ich achte da drauf, dass ich nicht genau da komme, wenn Alida müde werden könnte und vorallem nicht mehr nach dem späten Nachmittag. Es gibt keine Einladungen mehr bei mir Zuhause, bei denen so viele Personen in einem Raum sind, dass man eigentlich keinen Platz mehr für alle hat. Es gibt auch keine Grillpartys mehr, bei dem ich mein Kind zum „Sitzenbleiben“ zwingen muss, weil es einfach zu viele Leute sind und sie sonst „zertrampelt“  werden würde weil die umherlaufen und der freistehende Grill selber ja auch nicht ungefährlich ist.

Es hat lange gedauert bis man akzeptiert hat, dass ich nicht nach 17 Uhr mit ihr durch die Gegend fahre um Besuche zu tätigen. Dass ich vorallem nicht (mehr) auf Strassenfeste gehe, wenn auch nur für eine Stunde! Denn wenn das Kind und die Mama abends das Problem haben, stört niemandem… so sind es dann schnell wieder die Zähne die Probleme machen…

Ich habe mich für ein Baby entschieden, so muss ich mich auf für das neue Leben entscheiden. Mit einem Baby oder Kleinkind Zuhause kann ich eben nicht mehr ausgehen wie man möchte. Es hat einen eigenen Rhytmus, auf den man sich einlassen sollte. Ich achte mittlerweile penibel drauf, dass Alida die Möglichkeit hat zu schlafen, sobald sie erste Müdigkeitszeichen zeigt und nicht erst dann, wenn sie schon zu quengelig wird. Ich nehme sie aus Situationen, in denen ich merke, dass sie versucht zu „fliehen“, selbst wenn das für mich heisst, dass ich den Besuch beenden muss und ich somit manchmal das „Arschloch der Familie“ bin. Ich fahre sehr gut mit dieser Methode. Alida ist ein sehr ausgeglichenes Baby, wenn man sich auf ihre Bedürfnisse einlässt. Aktivitäten wie schwimmen, einkaufen oder sonstiges wird auf den Vormittag verlegt. Es tut gut zu sehen, wie sie entspannt einschläft ohne den „ich finde nicht in den Schlaf-Kampf“. Sie quengelt den ganzen Tag nicht, wenn sie rausgehen kann und  spielen kann wie sie möchte und nicht ständig berieselt wird. Nicht sie muss sich an ein Leben und Rhytmus anderer Leute anpassen, ich muss mich an sie anpassen. Sie ist klein und hilflos, die Zeit – bei der sie sich anpassen muss – wird noch früh genug kommen…

Bei erwachsenen Menschen versteht man schnell wenn jemand sagt, dass es einem zu viel wird, man vielleicht sogar „Platzangst“ hat… Mehrere Personen in einem Raum erhöhen den Lautstärkepegel schnell, manch einer (ich bin auch eine davon) ergreift hier die Flucht: Geht in einem anderen Raum um mal „durchzuschnaufen“. Der nächste geht eine Zigarette draussen rauchen, weils drinnen ja so laut und stickig ist. Warum aber versteht man es bei Babys und kleine Kinder nicht? Ganz einfach, weil sie es nicht mit Worten zeigen, sondern mit Taten! Wenn es Babys dann wirklich erst abends im Bett zeigen und das Umfeld einfach nicht mitbekommt, wie das Baby nach so einem Tag „leidet“, bekommt manche Mama schnell den Stempel als „überempfindlich“. Man kann es nicht – entgegen vieler Meinungen – antrainieren oder „dran gewöhnen.

Alida ist ein Einzelkind, es ist kein weiteres Kind mit einem anderen Rhytmus da auf das ich zusätzlich achten muss und ich gehe noch nicht wieder arbeiten und demnach geht sie in keine Krippe. Wenn ich jetzt nicht auf Alidas Ruhebedürfnis achte, wann dann?

„Überempfindlich“ hin oder her: Ich bin stolz auf meine Tochter, ich bin stolz drauf, dass ich mich voll und ganz nach ihren Bedürnissen richten kann und werde das so lange es mir möglich ist, weiterhin tun!

Eure Dani

 

Wie steht ihr zu diesem Thema? Denkt ihr, man solle dem Baby ein „dickeres Fell antrainieren“ oder seid ihr auch der Meinung, dass man auf Babys Bedürfnisse ohne Kompromisse eingehen soll? Bin auf eure Meinung gespannt.

 

 

 

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